Komme ich da jemals wieder raus?
von Roxette vom Steinernen Tisch
Viele Jahre lebte ich glücklich und zufrieden in einem Menschenrudel. Dann kam der Tag, als man mich ins Tierheim verfrachtete. Ich hatte keine Menschen mehr, war eingesperrt und die vielen Hunde auf engstem Raum machten mich kirre. Ich war knapp sechs Jahre alt und hier sollte vielleicht schon Endstation für mich sein? Ich hatte ja schon gehört, dass Schäferhunde, die im Tierheim landen, nicht so leicht wieder ein neues Zuhause finden. Man wird da schnell zum «Ladenhüter». Außerdem bin ich eine sehr selbstbewusste Hündin mit einem sehr eigenen Charakter, mit dem man klar kommen muss. Gut ließ sich die Sache nicht an.
Die Zeit verging. Der Stress im Tierheim war kaum noch zu ertragen und niemand schien sich für mich zu interessieren. Doch dann trat mein jetziges Frauchen auf den Plan. Sie suchte schon seit einiger Zeit nach einem Hundekumpel für ihren jungen Schäferhundrüden Shino. Eines Tages entdeckte sie mich auf der Homepage des Tierheims und überredete Herrchen, mich doch einmal kennenzulernen. Ganz unverbindlich natürlich.
Mitte April kamen sie das erste Mal. Ich gab mich erst einmal zurückhaltend, tat so, als würde mich das alles nicht groß interessieren. Aber davon ließen sie sich nicht beeindrucken. Sie wollten mit mir Gassi gehen und schauen, ob ich mit ihrem Rüden klar kommen würde. Doch gleich am Anfang ging alles schief. Als ich an den anderen Hunden im Tierheim vorbei musste, brach eine Randale los. Ich bellte wie eine Irre, schüttelte mich wie wild und zog heftig an der Leine. Das ließ die anderen Hunde in ihren Zwingern natürlich nicht kalt und es gab einen Riesen-Radau.
Als wir endlich draußen waren, dachte ich mir: «Puh, jetzt musst du dich aber mal von deiner besseren Seite zeigen, sonst wird das nichts.» Gesagt, getan. Als ich den Shino am Auto traf, verhielt ich mich ganz artig. Auf der Gassirunde ging ich brav an der Leine und ignorierte alle Zwei- und Vierbeiner. Am Ende waren Mensch und Hund durchaus angetan von mir, sodass meine Aktien wieder stiegen.
Etwas später, es war mittlerweile Mai geworden, durfte ich zum «Probewohnen» mitkommen. Sie wohnten in einem Haus (schon mal gut) und es gab einen Garten (noch besser). Ich durfte alles eingehend inspizieren, wurde geknuddelt, machte es mir in einem Hundebettchen bequem und später ging es noch auf eine ausgedehnte Gassirunde. Mit Shino gab es überhaupt keine Probleme. Er akzeptierte von Anfang an, dass ich das Sagen haben wollte. Der Tag ging viel zu schnell vorbei und abends wurde ich wieder ins Tierheim gebracht. «Ja, könnte klappen», dachte ich mir, als ich müde, aber zufrieden, in meinem Zwinger lag. Das Probewohnen wiederholte sich noch dreimal. Wir machten tolle Spaziergänge, ich tollte mit Shino und den Menschen im Garten herum und es gab allerlei Leckerli und ganz viel Zuneigung. Highlight war das Gartenschlauch-Spiel mit Frauchen, bei dem ich wahre Luftsprünge vollführte. Nur, wann durfte ich endlich bei ihnen einziehen?
Plötzlich kamen sie nicht mehr. «Das war´s dann wohl», dachte ich resigniert. Die große Chance dahin. Mein Leben im Tierheim wurde immer schlimmer, so ganz ohne Hoffnung, hier jemals wieder herauszukommen. Die Wochen vergingen und es wurde Hochsommer. An die Menschen und den Shino dachte ich immer weniger. Ich hatte sie abgehackt. Auch sonst gab es weiterhin keinen Interessenten für mich.
Ende Juli veranstaltete das Tierheim einen Tag der offenen Tür. Viele Menschen kamen und starrten mich in meinem Zwinger an. An diesem Tag ging es mir besonders mies und ich verkroch mich im hintersten Winkel. Und dann sah ich sie wieder, meine Menschen. Gab es doch noch eine Chance für mich? Ehrlich gesagt, glaubte ich nicht mehr daran und blieb apathisch liegen. Meine Menschen kamen im Laufe des Tages immer wieder zu mir und verweilten lange vor dem Zwinger. Aber ich ignorierte sie und rührte mich kaum.
Eine weitere Woche verging und am Sonntag sah ich sie wieder. Es war der 5. August 2012. Ich war gerade im Freilauf und drehte etwas durchgeknallt meine Runden. Sie betrachteten mich lange, schienen miteinander zu diskutieren und verschwanden schließlich im Büro des Tierheims, während ich aus dem Freilauf geholt wurde. Kurze Zeit später verließ ich zusammen mit den Menschen das Tierheim. Sie wirkten da irgendwie glücklich auf mich. Ich sprang schnell in ihr Auto, wo mich der Shino begrüßte. War ich endlich auf dem Weg in ein neues Zuhause? Noch war ich unsicher. Aber an diesem Abend wurde ich nicht zurückgebracht, sondern durfte mir im Schlafzimmer ein Plätzchen für die Nacht suchen. Nun hatten sie sich also doch noch für mich entschieden.
Die ersten Tage im neuen Zuhause war ich eine wilde Maus. Bei jedem noch so kleinen Geräusch bellte ich laut los. War ein Vogel im Garten, stürmte ich wild kläffend die Treppe hinunter, um den ungebetenen Gast zu verscheuchen. Einmal hätte ich dabei fast Herrchen die Treppe hinuntergeworfen. Ich glaube, da fragten sich meine Menschen, ob das mit mir nicht doch ein Fehler war.
Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihnen aber nicht, denn schon eine Woche später ging es ab in den Urlaub an die Nordsee. Anfangs waren meine Menschen noch übervorsichtig mit mir, so durfte ich nur an der Leine schwimmen. Doch das gab sich schnell und dann eroberte ich ihre Herzen im Sturm. Ich zeigte mich als begeisterte Schwimmerin und Ballfängerin. Ich ging brav an ihrer Seite, bald ohne Leine und ohne abzudüsen. Der Urlaub war dann auch große Klasse und wieder daheim stieg ich schnell zur Rudelchefin auf.
Später habe ich mitbekommen, dass meine Menschen mich eigentlich schon von Anfang an haben wollten. Sie zögerten aber lange, da sie nicht sicher waren, dass ihre Zeit für zwei Hunde reichen würde. Egal, Hauptsache, ich hatte am Ende wieder ein Rudel und ein richtiges Zuhause.
Die folgenden Jahre vergingen wie im Flug. Ich hatte herrliche Erlebnisse mit meinem neuen Rudel, musste aber auch mitansehen, wie der Shino viel zu früh über die Regenbogenbrücke ging. Bald danach zog ein neuer Rüde ein, der Merlin, dem ich erst einmal das elementare Hunde-Einmaleins beibringen musste. Mittlerweile bin ich mit meinen elf Jahren eine etwas ältere Dame und morgen gibt es Grund zu feiern. Dann sind es fünf Jahre in meinem neuen Zuhause. Das werden meine Menschen sicher gebührend mit mir feiern. Und da sollten auch einige Leckereien für uns Hunde herausspringen.