Leinenlos glücklich

 
 
 

von Njoy von den Querulanten


Der April neigte sich dem Ende entgegen. Zeit für unseren alljährlichen Frühjahrs-Urlaub. Unsere Menschen hatten ein Ferienhaus in Schleswig-Holstein gebucht, das für uns Hunde etwas ganz Besonderes bieten sollte.

An einem Samstag ging es früh aus den Federn. Unsere Menschen wuselten durch die Wohnung, schleppten Sachen ins Auto und verfrachteten Carlos und mich schließlich in den Kofferraum. Dann ging es ab Richtung Norden. Mittags legten wir eine ausgedehnte Rast ein, bei der es für mich und Herrchen eine leckere Bockwurst gab. Carlos ist bei neuen Leckereien anfangs oft skeptisch, also begnügte er sich mit normalem Futter.

So gestärkt ging die Fahrt weiter und nach neun Stunden waren wir endlich am Ziel in der Holsteinischen Schweiz. Erleichtert sprangen Carlos und ich aus dem Auto, beschnüffelten ausgiebig die Wiese rund um das Ferienhaus und waren erst einmal zufrieden. Unsere Menschen dagegen schauten sorgenvoll gen Himmel, denn tiefhängende Wolken ließen Regen erwarten und durch den starken Nordostwind war es fast winterlich kalt.

Als Nächstes erkundeten wir das Ferienhaus. Das Erdgeschoss war schön groß und für uns Hunde gab es genug Plätze zum Liegen. Dann der große Aufreger. Die großen Schlafzimmer lagen im Obergeschoss, zu dem eine schmale und steile Treppe führte. Für mich natürlich kein Problem, aber für den Carlos, der immer einen Heidenrespekt vor unbekannten Treppen hat. Unsere Menschen versuchten ihn mehrmals behutsam hinaufzuführen, probierten es mit Leckerli, doch der Bub wollte partout nicht nach oben. Also mussten sich die Menschen mit dem kleinen Schlafzimmer unten begnügen. Ich sicherte mir gleich mein Plätzchen dort und Carlos musste die nächsten zwei Wochen im Gang pennen. Nach dem Einkaufen und Abendessen war das ganze Rudel hundemüde und fiel ins Bett.

Am nächsten Morgen frühstückten unsere Menschen gemütlich, ehe es endlich losging und wir das Grundstück erkundeten. Anfangs ging es an einem Zaun entlang, dann auf schmalen Pfaden durch einen kleinen Nadelwald. Anschließend durchquerten wir ein Laubwäldchen, dessen Bäume noch kahl waren, ehe wir zu einer großen Wiese gelangten. Nach einer kurzen Pause ging es weiter und wir stapften durch ein weiteres Nadelwäldchen. Dann umrundeten wir einen großen Tümpel, ehe wir wieder zu der großen Wiese kamen, wo das Ferienhaus stand. Die Runde hatte ganz schön lang gedauert. Herrchen hat mir später erklärt, dass das Grundstück imposante 75.000 Quadratmeter groß sei. Mit der Zahl konnte ich nichts anfangen, aber hier schien wirklich viel Platz zu sein. Aus Sicht unserer Menschen war aber das Beste an dem Feriendomizil, dass das riesige Gelände komplett eingezäunt war. Carlos und ich konnten also nach Herzenslust ohne Leine auf Entdeckungsreise gehen, wovon vor allem der Bub rege Gebrauch machte. Hier konnte man als Hund wirklich leinenlos glücklich sein.

Nach der großen «Gassirunde» gab es noch Frühsport für uns Schäfis auf der großen Wiese vor dem Ferienhaus. Trotz meines Alters, ich gehe schließlich schon ins zwölfte Lebensjahr, war ich voll dabei und rannte nimmermüde meinem Balli hinterher. Der Carlos-Bub powerte sich komplett aus und nach dem Frühstück war erst einmal Relaxen auf der Terrasse angesagt. Unsere Menschen waren jetzt auch guter Laune, denn die Sonne schien und es war deutlich wärmer.

Die nächsten zwei Wochen verbrachten wir viel Zeit auf dem tollen Grundstück. Früh und abends ging es auf eine ausgedehnte Gassirunde, wo es auf immer neuen Pfaden viel zu schnüffeln gab. Teilweise erkundeten wir Schäfis auch ganz ohne unsere Menschen das große Terrain.

Am dritten Tag erwartete uns Hunde dann ein Highlight. Wir gingen früh unsere Runde, wobei der Bub wie immer das Rudel anführte. Als wir die große Wiese erreichten, spitzte Carlos plötzlich die Ohren, rannte in einem Affenzahn los und verschwand im Nadelwäldchen. Sekunden später tauchte zwischen den Bäumen ein Reh auf und sauste im Galopp über die Wiese. Carlos kam auch wieder zum Vorschein, dem Reh auf den Fersen. Und auch ich konnte es nicht lassen und startete unter lautem Gebell ebenfalls los. Doch ich gab schnell auf, denn bei solchen Sprints merkt man schnell seine alten Knochen. Carlos dagegen gab nicht so schnell auf und nahm weiterhin die Verfolgung auf. Gegen das pfeilschnelle Rotwild hatte er natürlich nicht den Hauch einer Chance und schließlich kehrte er nach einiger Zeit mit hängender Zunge zurück. Danach lag er platt auf der Wiese und rührte sich eine Ewigkeit nicht mehr. Als er schließlich wieder aufstand, humpelte er für den Rest des Tages bedenklich.

Rehe besuchten noch häufiger unser Grundstück und Carlos musste natürlich immer hinterher. Dann verschwand er jedes Mal für eine Weile im Wald und jagte den Spuren des Rotwilds hinterher.

Ausflüge haben wir auch gemacht. Meine Menschen fanden einen schönen kleinen See ganz in der Nähe, wo ich die Schwimmsaison eröffnete. Endlich konnte ich wieder meinem Balli hinterherjagen, während unser Nichtschwimmer Carlos im seichten Uferbereich herumtollte. Den Muggesfelder See haben wir dann noch öfters besucht.

In der zweiten Woche ging es an die Ostsee nach Behrensdorf. Der Hundestrand dort war für uns Schäfis mega aufregend. Carlos flippte komplett aus, wenn er einen anderen Hund sah und auch ich musste dann meinen Senf in Form von lautem Gebell dazugeben. Für unsere Menschen war das alles andere als entspannend, trotzdem schienen auch sie ganz zufrieden mit dem Ausflug ans Meer gewesen zu sein.

Nach zwei wunderschönen Wochen wurde gepackt. Wir saßen schon im Auto, als wir eine Witterung aufnahmen. Und siehe da, zwei Hasen rannten über das Grundstück. Carlos und ich natürlich sofort hinterher, sehr zum Missfallen unserer Menschen. Bei den Langohren hatten wir aber ebenso wenig eine Chance wie bei den Rehen und so wurden wir schließlich wieder ins Auto verfrachtet.

Dann ging es los und Carlos und ich stellten uns schon auf die Heimreise ein. Doch stattdessen waren wir bald auf einer schmalen und kurvigen Landstraße unterwegs, die mir irgendwie bekannt vorkam. Als wir in einem kleinen Dorf durch eine eklige Straße mit Kopfsteinpflaster rumpelten, wusste ich Bescheid. Und tatsächlich machten wir kurz darauf Halt an einem wohlbekannten Ferienhaus in der Nähe des Schaalsees, wo wir schon mehrmals waren.

Die folgende Woche genossen Carlos und ich in vollen Zügen. Alles war vertraut, das Haus mit seinen tollen Liegeplätzen und das große Grundstück, wo Carlos endlich wieder Wächter spielen konnte und das auch für unseren Frühsport bestens geeignet war. Natürlich war in der Woche ein Ausflug an den Lankower See gesetzt, wo man toll schwimmen kann. Auf dem Weg dorthin entdeckte ich bald den schmalen Pfad zum Wasser. Also blieb ich kurzerhand stehen, schaute Herrchen ganz tief in die Augen und der wusste sofort Bescheid. Auf dem schmalen Weg hinunter zum See zogen Carlos und ich wie blöd an der Leine, sodass Herrchen ganz schön fluchte. Dann entdeckten wir die Badestelle und es gab kein Halten mehr.

Auf einer Runde am Boissower See wartete ein echtes Highlight auf mich. Sandfangen und -hüpfen mit Herrchen, da habe ich mich wieder richtig jung gefühlt. Meine Menschen bereuten das hinterher aber schnell, denn ich musste mich mehrmals übergeben, um den ganzen Sand in meinem Magen wieder loszuwerden.

Der Ausflug zu den Elbauen waren auch genial. In den Bunen konnte man prima im Wasser spielen. Da die Elbe wenig Wasser führte, war für mich aber mehr Wassertreten als Schwimmen angesagt. Für Carlos dagegen war es optimal, er konnte in dem flachen Wasser nach Herzenslust seinem Balli hinterherjagen.

Nach einer guten Woche mit tollen Erlebnissen ging es schließlich nach Hause. Der Norden Deutschlands ist doch immer wieder eine Reise wert und birgt so manche Überraschung.


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Endlich wieder Schweden