Mach´s gut, geliebter Merlin
von Njoy von den Querulanten
Am 1. April 2022 kam der Winter mit Macht zurück. Es schneite heftig und war bitterkalt. Doch das interessierte meine Menschen nicht. Sie sorgten sich um ihren Merlin, dem es an diesem Tag besonders schlecht ging. Er war schon seit Wochen schwer krank und nun verließen ihn seine letzten Kräfte, sodass meine Menschen ihn schließlich über die Regenbogenbrücke gehen lassen mussten.
Wie Herrchen mir erzählte, lernten meine Menschen den Merlin im Mai 2013 kennen. Nach Shinos frühem Tod wollten sie wieder einen Schäferhund-Rüden zu sich holen. Es war an einem Sonntag, als Herrchen unerwartet einen Anruf von der Tierklinik bekam. Er solle sofort vorbeikommen, man habe einen jungen Rüden zu vermitteln. Also fuhr Herrchen zur Klinik und bekam dort kurzerhand einen Hund in die Hand gedrückt, zum Probewohnen. Herrchen fuhr mit dem jungen Schäferhund in den nahegelegenen Wald und da standen sie nun und schauten sich etwas ratlos an. Nach einem kleinen Spaziergang ging es nach Hause. Im Auto war der Rüde kurz aufgeregt, legte sich dann aber bald ruhig im Kofferraum ab. Zuhause angekommen schaute er sich die Wohnung und den Garten an, ganz ruhig und unaufgeregt. Als dann ein Regenschauer kam, zogen sich die beiden in die Wohnung zurück und der Rüde legte sich entspannt auf dem Teppich ab, so als wolle er sagen: “Hier gefällt es mir, hier könnte ich bleiben”. Abends kamen Frauchen und Roxette, ihre damalige Schäferhündin, von einer Reise zurück und musterten zunächst etwas überrascht den jungen Schäferhund. Dann musste das Rudel den Rüden noch mit viel Geduld und Leckerli ins Obergeschoss locken, da er Treppen noch nicht zu kennen schien. Nach langem Zureden traute er sich schließlich nach oben und durfte sich im Schlafzimmer ein Plätzchen beim Rudel suchen. Die Nacht verbrachte er komplett entspannt und am nächsten Morgen ging es zurück zur Tierklinik. Meine Menschen wollten noch in Ruhe überlegen, ob der junge Rüde zu ihnen und ihrer Roxette passen würde. Doch schon am Wochenende darauf holten sie ihn zu sich und er wurde das neue Rudelmitglied.
Merlin hieß damals noch Erich, war ein knappes Jahr alt und kannte so gut wie nichts von der Welt. Zum Glück war Roxette an seiner Seite, die ihn unter ihre Fittiche nahm und ihm schnell das Hunde-Einmaleins beibrachte. Schon bald machten sich meine Menschen Gedanken über einen anderen Namen, da ihnen Erich so gar nicht gefiel. Am Schluss blieben Enrico und Merlin übrig und schließlich macht der Zauberer das Rennen.
Merlin war ein introvertierter Zeitgenosse, der aber auch voll aufdrehen konnte und dann den “wilden Merlin” herausließ. Mit einem Balli konnte er überhaupt nichts anfangen. Das machte Herrchen mit der Zeit richtig verzweifelt, denn ihr vorheriger Rüde war ein absoluter Balljunkie. Was sollte man mit dem jungen Kerl spielen? Die Antwort darauf gab es im Sommerurlaub. Meine Menschen wollten eines Nachmittags Federball spielen, als der Merlin plötzlich wie elektrisiert aufsprang und partout “mitspielen” wollte. So wurde Federball fangen zu seinem absoluten Lieblingssport. Meine Menschen mussten nur das Zauberwort in den Mund nehmen und schon flippte der Bub komplett aus. Später reichte es sogar schon, dass man “F-Spiel” sagte und der Merlin wusste sofort, worum es ging. Mit Roxette hatte er allerdings keine Spielpartnerin, denn das Schäfimädchen machte sich nichts aus Federball. Das änderte sich, als ich zum Rudel kam. Ich war sofort begeistert dabei und so genossen wir viele Jahre zusammen dieses tolle Spiel. Wir hatten dabei immer ein super Timing: Merlin bekam den ersten Ball, der zweite gehörte dann mir. Eine weitere gemeinsame Leidenschaft von uns war Sand fangen, im Herbst durfte es gerne auch Laub und im Winter Schnee sein.
Mit dem Wasser fremdelte Merlin zunächst. Doch irgendwann überwand er sich und begann zu schwimmen. Zunächst mit einer abenteuerlichen Atemtechnik, bei der man Angst hatte, er werde gleich keine Luft mehr bekommen und absaufen. Doch in Schweden wurde er zum begnadeten Schwimmer, der täglich fast schon meditativ seine Runden um den Bootssteg am Ferienhaus zog. Und das ganz ohne Balli, also schwimmen einfach so. Für mich unvorstellbar.
Mit seinen Rudelmädchen kam er gut klar. Roxette akzeptierte er ohne Murren als Chefin, die ihm stets sagte, wo es lang ging. Und auch mit mir und meinen kleinen Marotten kam er gut zurecht.
Im Herbst 2017, ich war es kurz beim Rudel, wurde Merlin das erste Mal ernsthaft krank. Ein Tumor wurde festgestellt und es vergingen bange Wochen für unsere Menschen. Der Tumor wurde schließlich entfernt und zum Glück stellte sich heraus, dass er gutartig war. Vier Jahre später ging es Merlin von einem auf den anderen Tag plötzlich sehr schlecht. Er war schlapp, konnte kaum gehen und wollte nicht fressen. Verzweifelt fuhren unsere Menschen noch am Abend zur Tierklinik, wo sie die schreckliche Diagnose erhielten. Merlin hatte wieder einen Tumor und nur eine Not-OP konnte ihn jetzt noch retten. Ob der Bub diese OP überstehen würde, konnte niemand garantieren. Nach einer bangen Nacht rief Tags darauf die Tierärztin an. Merlin hatte die OP gut verkraftet und er konnte wieder nach Hause. Am Nachmittag saßen unsere Menschen in der goldenen Herbstsonne vor der Klinik und warteten auf ihren geliebten Bub. Der kam wenig später heraus, musste sich kurz orientieren, sah dann seine Menschen und sprang wie ein junges Pferd freudig auf sie zu. Wieder schien alles gut gegangen zu sein, doch dann kam der Schock. Der Tumor war dieses Mal bösartig.
Unsere Menschen ließen nichts unversucht und begannen eine experimentelle Behandlung, um den Bub wieder gesund zu bekommen. Und Merlin ging es bis in den Winter hinein auch richtig gut. Die Menschen nahmen sich viel Zeit für uns Hunde und fuhren mit uns sogar in Urlaub an den Brombachsee. Merlin war total fit und genoss den Urlaub in vollen Zügen. Schon bei der Ankunft im Ferienhaus stürmte er sofort die steile Treppe ins Obergeschoss hoch. Komplett ungewöhnlich für ihn, wo er doch sonst immer ziemlich Respekt vor unbekannten Treppen hatte. Er quetschte sich mit Freude in die für ihn viel zu kleine Hundebox in der Küche und als es zu schneien begann, tobten wir beide voller Freude im Garten. Wir machten lange Wanderungen, bei denen der Bub mit vollem Elan dabei war und auch nach vielen Kilometern nicht müde wurde. Immer wenn wir an einem kleinen Sandstrand vorbeikamen, gab es seinen Lieblingssport Sand fangen. Eine letzte glückliche Zeit mit dem Bub.
Anfang des neuen Jahres verschlechterte sich sein Zustand wieder und die Ärzte gaben ihm nur noch wenig Zeit. Von da an wechselten sich Phasen, wo es ihm gut ging, mit solchen, wo er schlapp und müde war. Als das Jahr voranschritt, wurden die guten Phasen immer kürzer. Aber auch wenn es ihm schlecht ging, wollte er immer mit auf die Gassirunde. Dann schleppte er sich in die Diele, damit man ihn ja nicht vergaß. Als seine Kräfte weiter nachließen, blieb er mit Frauchen am Auto und wartete geduldig, bis Herrchen und ich von unserer Runde zurückkamen. Als er uns kommen sah, sprang er freudig aus dem Auto und begrüßte uns überschwänglich. Mitte März gab es die ersten schönen Frühlingstage. Da genoß Merlin ganz zufrieden auf der Liege draußen im Garten die ersten warmen Sonnenstrahlen und schaute dabei zu, wie unsere Mirabelle schneeweiß zu blühen begann. Ende des Monats stand es schlimm um ihn. Er lag nur noch ermattet im Zimmer und wollte kaum noch fressen. So war es auch am letzten Tag im März, als sich schon die Rückkehr des Winters bemerkbar machte. Doch am Vormittag verdrückte er unvermittelt zwei Packungen Hackfleisch und schleppte sich anschließend mit seiner Decke auf dem Rücken Richtung Terrasse. Obwohl es kalt und regnerisch war, lag er eine halbe Stunde draußen auf der Terrasse und schien sehr zufrieden mit sich und der Welt.
Am 1. April schwanden seine letzten Kräfte und meine Menschen ließen ihn schweren Herzens auf die Himmelswiese gehen. Dann war erst einmal nur noch eine große Leere da, die auch ich spürte. Bei der Gassirunde am Abend wateten wir durch tiefen Schnee. Es war surreal und es fehlte jemand. Und das war der Merlin.
Merlin erlebte sein zehntes Lebensjahr nicht mehr und meine Menschen hatten erneut einen Rüden viel zu früh verloren. Fünf Jahre lang bildeten Roxette und Merlin das Rudel, fast ebenso lang war ich an seiner Seite. Mit ihm verbinden wir viele schöne Urlaube und Erlebnisse, von denen wir hier auch im Blog berichten.